Baris Ergun, Vorstandsvorsitzender der abas Software AG: „Anwender sehen im Bereich der kundennahen Dienstleistungen spannende Möglichkeiten, um sich vom Wettbewerb abzugrenzen.“ Quelle: abas Software AG

Einen Generationswechsel hat die abas Software AG zum Jahreswechsel vollzogen: Auf den bisherigen Chief Executive Officer Werner Strub folgt Baris Ergun als neuer CEO. Im Interview mit dem Midrange Magazin (MM) skizziert der neue Chef, welche Akzente er setzen möchte. Dabei steht einer der Kernmärkte der abas Software AG, die fertigende Industrie, aufgrund der digitalen Transformation vor großen Herausforderungen, die seitens des ERP-Backbones abgebildet werden müssen.

MM: Welche Optimierungen an der bisherigen Geschäftspolitik streben Sie bei der abas Software AG an?

Ergun: Lassen Sie mich mit den Dingen beginnen, die wir beibehalten: Wir pflegen äußerst nachhaltige Beziehungen zu unseren Kunden und Partnern, das beginnt mit unserer Upgrade-Philosophie und -architektur und reicht bis zu unseren Integrationspartnern, die uns vielfach seit Jahrzehnten die Treue halten. Zudem bleibt abas unabhängig von Investoren und somit Herr im eigenen Haus. Verändern werden wir die Bandbreite an Möglichkeiten, damit mehr Unternehmen mit abas zusammenarbeiten können.

MM: Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Partnernetzwerk?

Ergun: Um das abzubilden, erweitern wir das Partnerprogramm unter anderem um Branchenspezialisten sowie Development Partner und legen ein globales Community-Modell auf. Wir sagen in bestimmten Bereichen ganz klar ja zu Open Source. Eine weitere Veränderung liegt in der zunehmenden Fokussierung auf unsere Cloud-Angebote.

MM: Die digitale Transformation stellt enorme Herausforderungen an die produzierenden Unternehmen. Wie muss ein weltweit agierender ERP-Hersteller darauf reagieren?

Ergun: Kaum eine Branche ist so sehr von der Digitalisierung betroffen, wie die fertigende Industrie – unser Kernmarkt. Hier gilt es jetzt, diese Unternehmen schnell und beweglich zu machen. Damit meine ich, sie zu disruptiver Innovation und ständiger Veränderung ihrer Geschäftsprozesse zu befähigen. Wir möchten die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden absichern.

MM: Wie wollen Sie das realisieren?

Ergun: Dazu müssen wir unser vertikales Beratungs-Know-how weltweit ausbauen und ihnen Anreize bieten, neue Technologien schneller und besser in ihre Geschäftsmodelle zu integrieren als ihre Wettbewerber aus Fernost. Ob es um die Integration von Cloud-Technologien, Big Data oder Machine Learning geht, die Kunden erwarten heute offene, flexible Systeme, die sie nicht begrenzen.

MM: Wie kann das IT-Backbone eines Unternehmens mit den kürzeren Innovationszyklen Schritt halten?

Ergun: Durch organisatorische Agilität. ERP ist nicht länger das Korsett, sondern eher ein Werkzeugkasten. Den Unternehmen muss die Möglichkeit gegeben werden, auf der Geschäftsprozessebene zu definieren, wie sie arbeiten wollen. Dabei verändert sich die zentrale Rolle der IT, weil immer mehr Entscheidungen hinsichtlich Werkzeugen und Prozessen heute auf Abteilungsebene getroffen werden. Wir ERP-Anbieter müssen also Mitarbeiter und Abteilungen befähigen, ihr Tagesgeschäft selbst zu gestalten. Dazu benötigen sie Zugriff auf alle dafür erforderlichen Technologien, möglichst einfach, wie bei einem App-Store.

MM: Wie wichtig ist die Branchenkompetenz eines ERP-Herstellers wie zum Beispiel in der Metallindustrie?

Ergun: Sehr hoch. Sie können ein Unternehmen nicht dabei unterstützen wettbewerbsfähiger zu werden, wenn Sie nicht die spezifischen Herausforderungen, KPIs und Wettbewerbsfaktoren der Branche kennen. Wir bauen unser Beratungsangebot dahingehend auf, ein klassisches Metallunternehmen nicht nur wirtschaftlicher oder schneller zu machen, sondern es auch in die Lage zu versetzen, auf entscheidende neue Technologien zu reagieren. Ob 3D-Druck, Smart Tools oder die Einbeziehung von Big Data in der Vertriebsoptimierung – wenn es sich um einen „Game Changer“ in der Branche handelt, müssen wir aufzeigen, wie man ihn im Unternehmen integrieren kann.

MM: Welche Rolle spielen dabei Funktionalitäten wie sie zum Beispiel im Bereich der kundennahen Dienstleistungen gefragt sind?

Ergun: Viele unserer Kunden sehen im Bereich der kundennahen Dienstleistungen spannende Möglichkeiten, sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Es geht darum, dem Kunden neue Erlebnisse zu bieten. Zum Beispiel durch neue Serviceangebote: Ein Möbelhersteller könnte durch die Einbeziehung von Echtzeitortungssystemen, die Real-Time-Locating-Systems, dem Endkunden in Echtzeit ein Monitoring ermöglichen, wie weit die Produktion des bestellten Bettes gerade ist. Mittels 3D-Druck würde ein Hardwarehersteller dem Kunden Notebooks mit Logo im Deckel anbieten. Oder der Hersteller spezieller Glühbirnen verkauft seinen Kunden im Post-Sales Energieoptimierung als Dienstleistung, basierend auf Nutzungsdaten, die er von den genutzten Birnen empfängt. Solche Services oder Fertigungsvarianten muss ein ERP-System heute abbilden können.

MM: Ab dem 28. Mai dieses Jahres gilt es für alle Unternehmen, die personalisierte Daten nutzen, die Europäische Datenschutzgrundverordnung umgesetzt zu haben. Welche Änderungen bringt das für ERP-Systeme mit sich und wie können die Anwenderunternehmen diese Änderungen noch schnellstmöglich umsetzen?

Ergun: Ohne eine entsprechende Gestaltung der IT-Systeme ist die Einhaltung der neuen Vorschriften in Zukunft nicht möglich. Die neuen Regelungen werden unmittelbare Auswirkungen auch auf ERP- und CRM-Systeme haben. Wir arbeiten daran, abas-Systeme möglichst schnell mit Features auszustatten, die den unerlaubten Zugriff auf Daten verhindern oder die Datensuche und Datenlöschung vereinfachen. Auch die Voreinstellung automatischer Speicherfristen und Zugriffsbeschränkungen wird geprüft, sofern unsere ERP-Lösung das führende System bei der Kundendatenverwaltung ist.

MM: Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse schnell an geänderte Marktanforderungen anpassen können?

Ergun: Sie sind ganz ohne Zweifel erfolgreicher. Eine aktuelle Studie besagt, dass die agilsten Unternehmen jeder Branche im 10-Jahresverleich 2,7 Mal erfolgreicher als ihr Wettbewerb sind.

MM: Wie wichtig ist das Thema Business Process Management (BPM) zum Beispiel in der Automobil- und der Zuliefererindustrie?

Ergun: Über unsere Zielmärkte hinweg weist der Automotive- und Zuliefersektor den, nach meiner Einschätzung, höchsten Organisations- und Effizienzgrad auf. Themen wie Lean Production, Wegeoptimierung zwischen Arbeitsplätzen oder Automatisierungsgrad in der Fertigung sind hier vergleichsweise stark ausgeprägt und normal. Dabei ist man auf einen hohen Dokumentations- und Automatisierungsgrad der Prozesse angewiesen. Business Process Management Softwares, wie auch unsere eigene Lösung abas BPM, sind in diesen Umgebungen fast immer im Einsatz. Die größten Herausforderungen der Automobilbranchen liegen woanders: Der Internationalisierungsdruck verstärkt sich, weil man den Kunden folgen und Kosten sparen muss. Hinzu kommen der Trend zur Elektromobilität und die wachsende Bedeutung der digitalen Services in der Wertschöpfungskette. Will heißen: Mit den Apps im Auto verdient der Hersteller langfristig mehr Geld als mit dem Blech.