Über den Dokumentenaustausch der Zukunft und wie die Integration der Blockchain-Technologie für Sicherheit vor Manipulation sorgt, hat das Midrange Magazin (MM) mit Stephan Leschke, Vorstandsvorsitzender der Ferrari electronic AG, gesprochen.

MM: Mit Next Generation Document Exchange will Ferrari electronic ein neues Dateiaustauschverfahren etablieren. Warum?

Leschke: Unternehmen, Behörden und Organisationen benötigen im Zeitalter der Digitalisierung eine verifizierbare Kommunikation. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass der Austausch von Dokumenten zuverlässig funktioniert. Darüberhinaus sollten diese elektronischen Dokumente von Menschen und Maschinen lesbar sein, also in einem hybriden Format vorliegen. Hier setzt Ferrari electronic mit Next Generation Document Exchange (NGDX) an. Unser Ziel ist ein neuer Standard für den einfachen, schnellen und rechtssicheren Dokumentenaustausch zwischen Unternehmen aller Branchen. In der Praxis bedeutet das, dass digitale Dokumente ohne Qualitätsverlust versendet werden können und dass der vollständige Empfang bestätigt wird.

MM: Worin liegen die größten Herausforderungen beim Austausch digitaler Dokumente?

Leschke: Digitale Inhalte können im Handumdrehen erstellt, übertragen und verändert werden. Ein Foto lässt sich heute in Sekundenschnelle schießen, versenden und bearbeiten. In ähnlicher Weise hat die Digitalisierung das Geschäftsleben extrem beschleunigt. Das ist die große Stärke der Digitalisierung, aber zugleich auch ihre große Schwäche, wenn es um die Rechtssicherheit der Kommunikation zwischen Organisationen geht. Um wie viel leichter als die Bearbeitung eines Bildes ist es etwa, eine Zahl in einem Angebot oder in einer Rechnung nachträglich zu verändern? Manipulationen an digitalen Inhalten sind selbst mit hohem forensischem Aufwand kaum mit letzter Sicherheit nachweisbar. Ebenso schwer lässt sich die erfolgreiche Übertragung mit Bestimmtheit beweisen.

MM: Welche Unternehmen und Branchen sind davon besonders betroffen?

Leschke: Im Grunde genommen alle Bereiche, bei denen es essenziell ist, digitale Daten beweisbar und manipulationssicher zu übertragen. Der Medizinbereich, die Behördenarbeit, juristische Tätigkeiten, Bestellungen jeglicher Art – die Anwendungsszenarien sind wirklich breit gefächert. Behörden zum Beispiel bestehen oft auf die Einreichung von Originaldokumenten per Post. Anwälte können digitale Übertragungswege nicht nutzen, weil sie die Einhaltung von Fristen damit nicht nachweisen können. Aber auch Unternehmen jeder anderen Branche nutzen Dokumente und führen Transaktionen durch, die sie nachweisbar dokumentieren möchten. Die gesetzmäßige Archivierung von Geschäftsbriefen kann diese Schwierigkeit mindern, doch nicht ganz aus dem Weg räumen.

MM: Welche Möglichkeiten gibt es, digitale Inhalte dauerhaft nachweisbar zu machen?

Leschke: Der Bedarf, digitale Kommunikation beweisbar und manipulationssicher zu machen, ist offenkundig. Die E-Mail hat diese Anforderung nie erfüllen können. Ganz neue Möglichkeiten bietet jedoch NGDX in Kombination mit der Blockchain-Technologie: Damit lassen sich erstmals digitale Inhalte dauerhaft überprüfen und beweisen, und sie werden manipulationssicher. Wer also beim Dokumentenaustausch noch einen Schritt weiter gehen will, kann sowohl den Inhalt des Dokuments als auch dessen Übertragung per Blockchain nachweisbar machen. Diese manipulationssichere Information kann jeden Dokumentenaustausch beweisen und letzte Zweifel ausräumen. Der Blockchain-verifizierte Dokumentenaustausch ist wie ein digitales Einschreiben mit Rückschein.

MM: Der Dokumentenaustausch mit NGDX bietet also diese Möglichkeit, Manipulationen zu verhindern?

Leschke: Ja, in Zusammenarbeit mit dem Blockchain-Spezialisten Cryptowerk hat Ferrari electronic die weltweit erste Möglichkeit geschaffen, einen solchen Dokumentenaustausch mittels Hash-Werten in der Blockchain zu verifizieren. Damit schaffen wir gesteigertes Vertrauen in digitale Prozesse.

MM: Wie kann man sich die Nutzung der Blockchain-Technologie beim Dokumentenaustausch vorstellen?

Leschke: Das Prinzip ist einfach. Die Blockchain-verifizierten Systeme hinterlegen Transaktionen dezentral redundant und verketten sie mit bereits vorhandenen Transaktionen, also anderen „Blöcken“. Jeder Rechner im Netzwerk („Knoten“) verfügt über eine Kopie der Blockchain, sodass darüber die gesamte Transaktionshistorie für jeden Nutzer abrufbar ist. Würde sich in einem in der Blockchain hinterlegten Hash-Wert eine Stelle ändern, gehen die Prüfsummen nicht mehr auf, und der Nachweis wäre erbracht, dass das Originaldokument verändert bzw. manipuliert worden ist.

Stephan Leschke, Vorstandsvorsitzender der Ferrari electronic AG: „Es gibt kaum Branchen oder Unternehmen, die nicht vom rechtssicheren Dokumentenaustausch profitieren könnten.“ Quelle: Ferrari electronic

MM: Wo liegen die Dokumente?

Leschke: Nicht sie selbst werden in der Blockchain hinterlegt, sondern nur die Hash-Werte, also die Prüfsummen. Wer Informationen zum ursprünglichen Dokument und der Transaktion hat, kann diese anschließend mittels dieses Hash-Werts in der Blockchain beweisen. Umgekehrt ist es auch unmöglich, vom Hash-Wert auf die Transaktion zu schließen. Der Hash ist immer gleich lang. Das heißt, niemand kann anhand des Hash erkennen, ob es sich um einen Text, ein Bild, eine Rechnung, einen Auftrag oder etwas anderes handelt. Selbst eine kleine Veränderung des Ausgangsdokuments um ein Zeichen ergibt einen völlig anderen Hash-Wert. Somit ist auch nur eine Bestätigung möglich, ob eine Transaktion auf eine bestimmte Art stattgefunden hat oder nicht. Stimmen Hash-Werte nicht überein, ist klar, dass irgendetwas verändert wurde, allerdings nicht, was genau.

MM: Welche typischen Nutzungsszenarien für den verifizierten Dokumentenaustausch sehen Sie?

Leschke: Es gibt kaum Branchen oder Unternehmen, die vom rechtssicheren Dokumentenaustausch nicht profitieren könnten. Einige Beispiele verdeutlichen das: In der Logistik kann eine Spedition die erhaltenen Transportaufträge und die selbst vergebenen Aufträge an Subunternehmern ohne Medienbruch digital verarbeiten und jederzeit lückenlos und rechtssicher nachweisen. Dies spart Verwaltungsaufwand. Im Handel kann ein Hersteller von Lebensmitteln Bestellungen automatisiert überprüfen, Daten extrahieren, Einträge in ERP- und Warenwirtschaftssysteme vornehmen und die Auftragsabwicklung an die europaweit verteilten Lager weiterleiten. Bestellungen werden somit schneller und mit weniger Personalaufwand ausgeführt. In der Fertigung stellt ein Produzent von Elektronikkomponenten sein Rechnungswesen vollständig auf elektronische Rechnungen im ZUGFeRD-Format um, die weitgehend automatisiert von einer Buchhaltungs-Software erstellt und verarbeitet werden. So spart er erheblich Ressourcen bei der Rechnungsstellung, der Rechnungsbearbeitung und dem Rechnungsversand und profitiert zugleich von einer höheren Rechtssicherheit. Im öffentlichen Sektor wird die rechtskonforme und fristgerechte Bearbeitung von Vorgängen vollständig belegbar und der Inhalt von übertragenen Schriftstücken, Urkunden, Unterlagen und Akten jederzeit verifizierbar. In diesem Bereich ist das besonders wichtig, weil alle europäischen Verwaltungen und Behörden bis 2020 auf ZUGFeRD 2.0 umstellen werden und dann nur noch dieses Format akzeptieren. Auch Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit Behörden unterhalten, sind davon betroffen und müssen das EU-konforme Rechnungsformat beherrschen. Mit NGDX und unserem Major Release werden wir ZUGFeRD 2.0 im kommenden Jahr unterstützen.

MM: Kann man sagen, dass der Blockchain-verifizierte Dokumentenaustausch die digitale Transformation vorantreibt?

Leschke: NGDX in Kombination mit der Blockchain-Technologie hat das Potenzial, die zukünftige Zusammenarbeit von Unternehmen und Organisationen entscheidend zu vereinfachen und die digitale Transformation voranzutreiben – gerade dort, wo hohe Rechtssicherheit erforderlich oder gewünscht ist. Die Blockchain ist eine disruptive Technologie und wird eines der Topthemen 2019 sein. Nichts liegt also näher, als den rechtssicheren Dokumentenaustausch der Zukunft zusätzlich über die Blockchain zu verifizieren.