Mit welchen und wie großen Schritten Unternehmen den Weg in die neue digitale Welt beschreiten wollen, ist eine Frage des Ermessens von unternehmensspezifischen Erfordernissen. Wichtig ist in jedem Fall, dass man für die Zukunft vorsorgt und die Digitalisierung der Firma und ihren Mitarbeitern gleichermaßen dient, so lautet die Position von Frank Siewert, Vorstand bei Comarch. Er stellt im Interview mit dem Midrange Magazin (MM) heraus, wie Industrie 4.0 funktionieren kann, und wann der richtige Zeitpunkt für den Umstieg von alt auf neu ist.

MM: Die Digitalisierung gilt als die Herausforderung für den Mittelstand. Wie sehen Sie deutsche Firmen hier aufgestellt?

Siewert: Generell sind unsere Unternehmen auf einem guten Weg. Zwar hört man oft von einem großen Nachholbedarf, den man hierzulande habe, aber ich sehe auch die andere Seite. Es ist wichtig, die Menschen abzuholen und den Weg der Digitalisierung gemeinsam zu gehen. Deshalb ist es besser, langsam und gemeinsam Schritte in diese Richtung zu gehen, als schnell und einsam.

MM: Sie sehen die Zeiger also nicht wie andere Experten auf „Fünf vor Zwölf“ stehen?

Siewert: Im Moment sehe ich vor allem viele Unternehmen, die Neues im Bereich der Digitalisierung wagen, die auf uns zukommen und sich für unsere Lösungen entscheiden. Aber auch viele langjährige Kunden, die bereits jahrzehntelang mit einer Lösung von Comarch arbeiten, gehen nun einen Schritt weiter mit uns, sei es bei einem Umstieg auf eine modernere Software, einem Release-Wechsel oder der Erweiterung von ERP in Richtung Industrie 4.0 oder Omnichannel Sales.

MM: Wie sieht ein Fall eines Umstiegs auf eine „modernere Lösung“ aus?

Siewert: Ein ganz aktuelles Beispiel ist unser Kunde Volkswagen-Stiftung. Die Volkswagen-Stiftung gehört zu den wichtigsten Stiftungen in Europa und ist Deutschlands größte private Einrichtung zur Wissenschaftsförderung. Seit drei Jahrzehnten wird die komplette Finanzbuchhaltung der Stiftung, die über 3,1 Milliarden Euro Stiftungskapital verfügt, mit Comarch Financials Suite abgewickelt. Nun stellt die Organisation von der Comarch Financials Suite auf die neuere Lösung Comarch Financials Enterprise um. Comarch Financials Enterprise ist als browserbasierte Lösung einfach offener, flexibler und intuitiver und somit besser für die Zukunft gewappnet.

MM: „Never change a running system“ empfiehlt das Sprichwort – was kann bei solchen Wechselprojekten passieren?

Siewert: Unsere Berater wissen genau, was in solchen Fällen zu beachten ist. Bei der Einführung einer neuen Financials-Lösung geht es immer um drei zentrale Fragen:

  1. Wann soll sie zur Verfügung stehen?
  2. Was und wie viel soll aus Finanzbuchhaltung, Anlagenbuchhaltung und Controlling übernommen werden?
  3. Wie sollen die einzelnen Daten übernommen werden?

Hier ist Kontinuität ein echter Vorteil, man kennt sich und versteht die jeweilige Situation, die Ausgangslage und Ziele bereits von vornherein. Davon abgesehen bietet jeder Systemwechsel auch die Chance zu weiteren Optimierungen, sei es bei internen Prozessen oder angesichts gesetzlicher Neuerungen wie der E-Rechnung.

MM: Industrie 4.0 ist ein weiteres aktuelles Thema. Wie groß ist hier die Nachfrage bzw. Umsetzung?

Siewert: Viele Fertigungsbetriebe arbeiten schon lange mit Comarch ERP und manche davon, wie beispielsweise Abnox, gehen nun einen Schritt weiter zu Industrie 4.0. Zentral bei diesem Thema ist einerseits die technische Komponente, die sehr gut und sehr schnell mit Comarch ERP abgebildet wird. Aber ein ebenso wichtiger Aspekt, den viele vergessen, ist die Mitarbeiterakzeptanz. Wir wissen, dass Menschen sich durch neue Technologien nicht eingeschränkt fühlen sollen. Im Gegenteil, sie sind als Unterstützung für die Mitarbeiter gedacht und so sollten sie auch implementiert werden. Industrie 4.0 hilft, Prozesse zu vereinfachen, zu automatisieren, frühere Fehlerquellen zu beseitigen und dabei dem Menschen bei der Verrichtung seiner Arbeit einen flexiblen Entscheidungsspielraum zu lassen. Insofern erreichen wir mit Industrie 4.0 wirklich die bislang höchste Stufe in der Fertigungsdigitalisierung. Viele mittelständische Fertigungsbetriebe verkaufen ihre Produkte international, manche davon produzieren auch in Deutschland oder der Schweiz. Angesichts des globalen Wettbewerbs benötigen Firmen aus der Branche Lösungen zur Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung und entscheiden sich daher für Comarch ERP.

MM: Wie ist das im Handel – gibt es dort eine vergleichbare Entwicklung?

Siewert: Festzustellen ist, dass Handelsketten immer stärker expandieren, neue Märkte in (Ost-)Europa erschließen und ihr Filialnetz ausdehnen. Dafür ist eine offene und agile Warenwirtschaft essenziell. Dazu bedarf es einerseits flexibler, offener Systeme statt schwerfälliger und veralteter ERP-Lösungen aus dem letzten Jahrtausend sowie einer durchgängigen Omnichannel- und Digitalisierungsstrategie. Viele Händler gehen deshalb einen Schritt weiter in Richtung Omnichannel und ERP 4.0. So sind sie gewappnet, die neuen Kundenerwartungen zu erfüllen, Anforderungen, wie sie auch unsere aktuelle, mit Kantar TNS durchgeführte Studie „Die Zukunft des Einkaufens“ aufzeigt.

Frank Siewert, Vorstand bei Comarch: „Menschen sollten sich durch neue Technologien nicht eingeschränkt fühlen. Industrie 4.0 hilft, Prozesse zu vereinfachen, zu automatisieren, frühere Fehlerquellen zu beseitigen und dabei dem Menschen bei der Verrichtung seiner Arbeit einen flexiblen Entscheidungsspielraum zu lassen. Insofern erreichen wir mit Industrie 4.0 wirklich die bislang höchste Stufe in der Fertigungsdigitalisierung.“ Foto: Andreas Gruhl

MM: Wir haben viel über die Erwartungen von Handel und Fertigung gesprochen. Wie lassen sich diese umsetzen?

Siewert: Eine moderne IT-Architektur besteht aus offenen und vernetzen Systemen, die gut miteinander kommunizieren. So entstehen dann Netzwerke aus intelligenten Produktionsmaschinen und Vertriebskanälen. Diese Offenheit schafft Flexibilität, die angesichts des bestehenden Wandels grundsätzlich wichtig ist und wirklich „kriegsentscheidend“ wird, wenn man in neue Länder expandiert. Ein zentrales ERP-System muss produktoffen, menschenoffen sowie agil und schnell sein. So werden schnelle Anpassungen an neue nationale Märkte, Gesetzgebungen, neue Webshops oder Produktionsmaschinen sichergestellt. Dabei soll die Software den Menschen nicht ersetzen, sondern seine Arbeit erleichtern und in Teilen autark agieren, sowohl bei Industrie 4.0 als auch bei Omnichannel und digitaler Kasse. Projektmethodiken in Firmen müssen genauso agil sein wie die Software, etwa wie die Projektarbeit nach Business Scrum.

MM: Was empfehlen Sie also Firmen, die gerade überlegen, wie sie in die digitale Welt aufbrechen?

Siewert: Ich rate zu einem langsamen, wohlüberlegten Vorgehen in Schritten. Niemand nimmt fünf Stufen auf einmal auf der Treppe, man geht Schritt für Schritt bzw. Stufe um Stufe.